Hedi Grager im Interview mit einem der bedeutendsten österreichischen Bildhauer
Pillhofer. 87 Jahre und voller Humor. (Fotos: R. Sudy)
Ich sitze Professor Josef Pillhofer in seinem Staatsatelier in der Wiener Krieau gegenüber. In dieses kam ich durch einen romantisch verwilderten Vorgarten, wie durch einen Wald von Skulpturen. Seine Atelierräume sind voll mit seinen großen und kleinen Kunstwerken, seinen reduzierten Skulpturen und Plastiken, realistischen Porträtköpfen, Kopfskulpturen aus Bronze, edlem Holz und Marmor. Hier in dieser angenehmen Atmosphäre erzählt mir Professor Pillhofer mit charmantem Lächeln aus seinem erlebnisreichen Leben, das vor 87 Jahren begann.
Professor Josef Pillhofer und Hedi Grager.
G’sund: Herr Professor, ich habe gelesen, Sie sind in Wien geboren. Ich dachte aber, seit unserer Bekanntschaft bei einer gemeinsamen Bahnfahrt nach Wien immer, dass Sie ein Steirer sind.
Pillhofer: Ich bin ein Steirer. Meine Mutter fuhr zwar zu meiner Geburt für zwei Tage nach Wien in ihr Elternhaus. Aber ich bin in Mürzzuschlag aufgewachsen und habe mich immer als Steirer gefühlt.
G’sund: Sie sind inmitten von „Künstlern“ aufgewachsen. Ihre Mutter hat gemalt, Ihr Vater war Bahnbeamter und hat in der Eisenbahnermusikkapelle gespielt. Er beherrschte sechs Instrumente. Und ein Onkel Ihrer Mutter, Nikolai Pavlovitsch, studierte einst an der Wiener Akademie, später in München, und war der Begründer der Kunstakademie in Sofia.
Pillhofer: Ich war 15 Jahre alt, als meine Mutter mich schon zu Ausstellungen mitnahm, zum Beispiel zur Ambrosiausstellung in Graz, die mich sehr beeindruckte. Aber erst als mein Vater im gleichen Jahr mir eher zufällig ein Buch über den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck schenkte, wusste ich, was es wirklich heißt, eine Skulptur zu schaffen. Lehmbruck war ein Virtuose seines Handwerks.
Der Vorgarten im Staatsatelier: Ein Wald voller Skulpturen.
G’sund: 1938 kamen Sie in die Kunstgewerbeschule nach Graz. Sie studierten Bildhauerei bei Prof. Wilhelm Gösser und Malerei bei Rudolf Szyszkowitz.
Pillhofer: Ich wollte ja eigentlich ein Zimmermann werden. Aber ich fragte mich immer: „Wozu brauche ich 40 verschiedene Eisen?“ In dieser Zeit traf ich auf den Bildhauer Werner Seidl, der leider sehr früh im Krieg gefallen ist. Er war ein sehr guter Bildhauer und Lehrer. Von ihm stammt auch die Mozartbüste im Grazer Stadtpark.
G’sund: 1941 kam der Einrückungsbefehl für Sie und Sie mussten an verschiedenen Fronten kämpfen.
Pillhofer: Wir waren damals 40 Burschen, die bei der Stellung waren. Ich kam als Letzter nicht mehr dran und musste drei Wochen später nochmals antreten. Das war mein Glück, denn keiner meiner Kameraden kam aus dem Krieg zurück. Ich kam zur Nachrichtengruppe und kam 1946 zuletzt aus russischer Gefangenschaft zurück.
G’sund: Sie waren dann von 1946–1947 wieder an der Grazer Kunstgewerbeschule, wo Walter Ritter, selbst ein Gösser-Schüler, anregte, dass Sie doch ein Kunststudium in Wien machen sollen.
Pillhofer: Ich wechselte 1947 an die Akademie für bildende Künste nach Wien. Hier wurde ich von Fritz Wotruba unterrichtet, der mich in Richtung Kubismus leitete. Er sagte mir immer: „Schau dir den Picasso an.“
Prof. Josef Pillhofer.
G’sund: Ich habe gelesen, dass Sie auch beteiligt waren an der Wiederherstellung des Fassadenschmuckes der Wiener Staatsoper.
Pillhofer: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden junge Bildhauer eingeladen, an der Beseitigung der Kriegsschäden mitzuarbeiten. Dort kam ich auch das erste Mal mit Steinmetzarbeiten in Berührung, was für mich anfangs schon sehr schwierig war. Ich litt unter der schweren Arbeit und unter der Kälte und nach der Arbeit gingen wir wieder zurück in die Akademie. Aber wir mussten natürlich auch Geld verdienen.
G’sund: 1950 bekamen Sie ein staatliches Auslandsstipendium und gingen nach Paris.
Pillhofer: Fritz Wotruba hat mich sehr gefördert. Ich konnte über das Französische Kulturinstitut in Wien mit einem französischen Staatsstipendium ein Jahr nach Paris gehen. Dort war ich zuerst an der „Ecole des Beaux Arts“. Aber nach drei Tagen wechselte ich in die „Academia de la Grande Chaumiere“ am Montparnasse, wo ich in die Bildhauerklasse des führenden Kubisten Ossip Zadkine eintrat.
G’sund: In dieser Zeit in Paris haben Sie sicher sehr viele interessante Menschen und Künstler kennen gelernt?
Pillhofer: Paris war einer der wichtigsten Abschnitte in meinem Leben. Ich lernte Künstler wie die Bildhauer Constantin Brancusi, Henri Laurens, Alberto Ciacometti kennen. Der Dichter Paul Celan und die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wurden sehr gute Freunde von mir, mit denen ich viel Zeit verbrachte. Sehr beeindruckend war es, Pablo Picasso zu sehen. Ich besuchte mit der Literaturwissenschaftlerin Anna Demus die Galerie Kahnweiler, als eine Limousine vorfuhr und jemand in einem gestreiften Leiberl ausstieg. Es war Picasso. In Paris hatte ich auch meine 1. Personalausstellung in der Galerie Silvagni. 1957 ging ich mit einem Stipendium noch für drei Monate nach Rom.
Skulpturen.
G’sund: Sie haben so viele interessante Menschen und Persönlichkeiten kennengelernt. Wer hat Sie am meisten beeindruckt.
Pillhofer: Ich war 1992 mit Prof. Rosenmayer, dem bekannten Feldforscher, während eines Afrika- Aufenthaltes in Mali. Dort habe ich den damaligen Präsidenten Alpha Oumar Konaré kennengelernt, der mich sehr beeindruckt hat. Vor ca. drei Jahren habe ich Ernst Kovacic, einen der weltbesten Geiger, kennengelernt und es entstand eine interessante neue Freundschaft.
G’sund: 1951 kamen Sie zurück nach Österreich und heirateten.
Pillhofer: Ja, meine Frau Waltraut ist Biologin und hat mir vier Kinder geschenkt, zwei Mädchen und zwei Buben. G’sund: Sind diese auch künstlerisch tätig? Pillhofer: Ja, Christine ist Bildhauerin und Susanna ist Geigerin. Markus ist Architekt und Ulrich ist Geometer und spielt verschiedene Instrumente.
G’sund: Sie hatten 1952 ihre erste Ausstellung in Wien, in der Galerie Würthle, 1954 begannen Sie Ihre Lehrtätigkeit an der Wiener Akademie für bildende Künste. 1955 wurden Sie Mitglied der Wiener Sezession, kurzzeitig waren Sie auch deren Vizepräsident. Von 1970 bis 1981 übernahmen Sie dann die Meisterklasse an der Grazer Kunstgewerbeschule.
Pillhofer: (schmunzelnd) Ja, und dann habe ich von 1972 bis 1974 künstlerisches Gestalten an der TU Graz unterrichtet und war 1986 Gastprofessor an der Sommerakademie in Salzburg.
G’sund: Sie bekamen in Ihrem Leben viele Auszeichnungen, welche waren für Sie die wichtigsten?
Pillhofer: Das waren der Österreichische Staatspreis 1968, der Preis der Stadt Wien 1979, aber auch das Große Ehrenzeichen des Landes Steiermark, das ich 1996 bekam.
Pillhofer mit der Gipsbüste seiner Mutter.
Aktgrafik.
Im Staatsatelier: Blick vom Stiegenaufgang.
G’sund: Herr Professor, Sie haben ja schon weltweit sehr viele Ausstellungen gehabt und sind weltweit auch in Museen und Skulpturenparks vertreten. Welche davon sind für Sie sehr wichtig?
Pillhofer: Spannend war für mich beispielsweise meine erste Teilnahme an der Biennale 1954 in Venedig, für die mich der Architekt Josef Hoffmann empfohlen hat. 1956 war ich wieder auf der Biennale in Venedig. 1956 und 1961 war ich im Musee Rodin in Paris. Stolz bin ich auch, dass fünf Skulpturen von mir im Storm King Art Center in New York stehen.
G’sund: Ja, und dann sind Sie noch u.a. vertreten in der Österreichischen Galerie, in der Graphischen Sammlung der Albertina und in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz, in Tokyo im Nipputen Museum, im Freilichtmuseum in Montreal, mit überlebensgroßen Steinskulpturen im Freilichtmuseum in Assuan, und …
Pillhofer: (lächelnd) Schön war auch die Ausstellung 2007 im Belvedere in Wien, wo von mir drei Skulpturen standen. Und daneben standen drei Skulpturen von Henry Laurens. Aber auch meine Ausstellungen in Mürzzuschlag. 1947 wurde der Art Club in Wien von Albert Paris Gütersloh gegründet, eine Plattform für junge Maler, Bildhauer, Autoren und Musiker. Dieser wurde damals „Die phantastischen Realisten“ genannt. Unter anderen waren Fritz Wotruba und Herbert Böckl Mitglieder, bis sich der Art Club 1959 auflöste.
G’sund: Welche sind Ihre aktuellen Projekte?
Pillhofer: Aktuell ist natürlich meine Museumshalle im steirischen Neuberg, wo am 19. Juni wieder eine Ausstellung von mir stattfinden wird. In Neuhaus in Kärnten, an der Grenze zu Slowenien, baut der heimische Industrielle Herbert W. Liaunig ein Museum für seine Privatsammlung. Vor dem Eingang wird eine 6 m hohe Skulptur aus Eisen von mir stehen. Diese ist gerade in Arbeit und ist meine bisher größte Skulptur.
G’sund: Und was, Herr Professor, würden Sie in Ihrem Leben noch gerne machen?
Pillhofer: Gerne würde ich noch eine Steinskulptur machen. Ich möchte mich weiter auseinandersetzen mit der menschlichen Figur im realistischen Sinn in seiner Erscheinungsform. Ziel des Bildhauers sollten immer Skulpturen im Sinne der Darstellung einer menschlichen Gestalt sein.