
OA Dr. Andrea Vollmeier. (Foto: LKH Stolzalpe)
Bei geriatrischen Patienten ist die Vielzahl an Erkrankungen eher die Regel als die Ausnahme. Neben Herz- und Kreislauferkrankungen bestehen oft Asthma, Diabetes mellitus, sowie neurologische oder psychiatrische Erkrankungen. Häufig wird jede Einzeldiagnose nach entsprechenden aktuellen Guidelines bzw. Leitlinien therapiert, was unweigerlich zu einer Vielzahl an Medikamenten führt. Der geriatrische Patient nimmt daher im Durchschnitt acht vom Arzt verordnete Medikamente ein. Laut Definition der WHO besteht eine Polypharmazie ab der Einnahme von sechs Medikamenten.
Risiken der Polypharmazie und des geriatrischen Patienten
Mit steigender Anzahl der verordneten Medikamente sinkt meist die Mitarbeit des Patienten, die Einnahme ist nicht mehr gewährleistet, vom Patienten werden Medikamente selbst abgesetzt oder die Dosis reduziert. Je mehr Medikamente ein Patient einnimmt, desto schwieriger ist die Kontrolle, vor allem bei selbständigen älteren Patienten. Daher ist die Diskrepanz zwischen verordneten und tatsächlich eingenommenen Medikamenten sehr hoch. Zudem besteht bei älteren Patienten oft der Trend zur Selbstmedikation, sodass zu den verschriebenen Medikamenten noch weitere nicht verschreibungspflichtige Medikamente eingenommen werden, die in ihrer Wirkung oft unterschätzt werden, wie zum Beispiel Acetylsalicylsäure oder Johanniskrautpräparate, dafür eventuell notwendige Medikamente weggelassen werden.
Mehrere Faktoren spielen beim geriatrischen Patienten eine Rolle, die zu Veränderungen der Medikamentenwirksamkeit führen oder das Risiko von Wechselwirkungen steigern können. Dazu zählen zunehmende funktionelle Defizite, des Weiteren Alters-, Krankheits- oder Ernährungsbedingte Veränderungen der Körperzusammensetzung mit Verminderung der Muskelmasse, Änderung des Körperfettes und Wassergehaltes, sowie Einschränkung der funktionellen Kapazität der Organe.
Die im Alter zunehmenden funktionellen Defizite bestimmen nicht nur die Krankheitshäufigkeit des Patienten durch Einschränkung seiner Alltagskompetenz, sondern vermindern auch die Fähigkeit zum Selbstmanagement der Medikamenteneinnahme. Hauptpunkte dafür sind Verminderung der Wahrnehmung, der Sehfähigkeit oder der manuellen Geschicklichkeit. Diese funktionellen Einschränkungen können zu Fehlern im richtigen Durchführen einer verordneten Medikamententherapie führen. So kann ein älterer Patient zum Beispiel eine Medikamentenpackung möglicherweise nicht mehr korrekt öffnen, vor allem einen kindersicheren Verschluss, eine kleine Tablette mit den Fingern nicht mehr aufnehmen oder danach wieder verlieren, das Medikament nicht richtig identifizieren oder überhaupt den Therapieplan bei einer großen Anzahl an Medikamenten nicht korrekt einhalten. Damit kann es zu Fehldosierungen, sowohl Unter-, als auch Überdosierungen bestimmter Medikamente kommen.
Pharmakokinetik
Alters-, Krankheits- oder Ernährungsbedingte Veränderungen der
Körperzusammensetzung, sowie die Einschränkung der Organfunktionen
beeinflussen die Pharmakokinetik von Medikamenten. Die Pharmakokinetik
umfasst alle Prozesse im Organismus, welche die Konzentration eines
Medikamentes im Blut beeinflussen können. Dazu zählen die Aufnahme über
den Magen-Darmtrakt, die Verteilung in den verschiedenen Körpergeweben,
die Umwandlung des Medikamentes in Wirkstoffe und die Ausscheidung des
Wirkstoffs. Am Magen-Darmtrakt kann die verringerte Darmtätigkeit,
verminderter Blutfluss, die verminderte Oberfläche der Darmzotten sowie
die reduzierte Säuresekretion des Magens die Aufnahme eines
Medikamentes beeinflussen. Insgesamt hat sich aber gezeigt, dass dies
keine allzu große Rolle spielt. Die Verteilung eines Medikamentes
richtet sich nach seinen chemischen Eigenschaften, wie Wasser- bzw.
Fettlöslichkeit. Bei älteren Patienten liegt sowohl physiologisch als
auch häufig ernährungsbedingt eine Zunahme des Fettanteils und eine
Abnahme des Wasseranteils vor. Daher ist mit veränderten
Verteilungsvolumina zu rechnen. Auch Veränderungen der Eiweißstoffe im
Blut, im Alter vermindertes Serumalbumin, können eine Rolle spielen.
Diese Veränderungen können in Summe einen Serumkonzentrationsanstieg
von wasserlöslichen Substanzen bewirken, mit einer eventuellen
Überdosierung, im Gegensatz dazu kann es zu einer erniedrigten
Konzentration fettlöslicher Substanzen kommen. Den wichtigsten und
größten altersbedingten Einfluss auf die Pharmakokinetik haben
Veränderungen in der Ausscheidung. Wasserlösliche Substanzen werden
dabei eher über die Niere, fettlösliche Substanzen eher über die Leber
ausgeschieden. Bei der Verminderung der Nierentätigkeit besteht daher
die Gefahr einer Ansammlung von nierenpflichtigen Substanzen, bei
verminderter Leberdurchblutung und damit herabgesetzter Leberfunktion
die Gefahr einer Ansammlung leberpflichtigen Substanzen. Die Änderung
der Pharmakokinetik im Alter muss vor allem bei chronisch Kranken mit
Langzeittherapie berücksichtigt werden.
Unerwünschte Nebenwirkungen
Die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten
Nebenwirkungen steigt mit der Anzahl der eingenommenen Medikamente
exponentiell, die Wechselwirkungen werden unvorhersehbar. Eine
unerwünschten Arzneimittelwirkung ist definiert als ‚Ein dem Patienten
schädigender oder für ihn unangenehmer Effekt, der auf die Wirkung
eines Arzneimittels beruht’ oder ‚Jede unerwünschte Reaktion, die auf
ein Arzneimittel ursächlich zurückgeführt werden kann, das in
Dosierungen, die beim Menschen zur Vorbeugung, Diagnose oder Therapie
üblich ist, verabreicht wurde’ (WHO). Die Kombination zweier
Medikamente bewirkt beispielsweise eine Komplikation, bei der Einnahme
von vier Arzneien sind es bereits sechs und dies steigt bei fünf
Medikamenten auf eine Komplikationsrate von zehn. Das Risiko einer
Arzneimittelwechselwirkung steigt bei Medikamenten mit einer niedrigen
therapeutischen Breite sowie bei jenen mit einer steilen
Dosis-Wirkungskurve. Für Österreich wird geschätzt, dass ca 5000
Personen jährlich durch unerwünschte Nebenwirkungen bzw.
Medikamentenwechselwirkungen versterben. 2,4 bis 6,7 Prozent aller
Krankenhauseinweisungen werden auf unerwünschte Wirkungen und
Wechselwirkungen von Medikamenten zurückgeführt, etwa 20 Prozent der
stationären Wiederaufnahmen von geriatrischen Patienten sind auf
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen zurückzuführen. Besonders häufig
beteiligte Medikamenten-Gruppen, die zu stationären Aufnahmen führen,
sind Entwässerungsmittel, Kalzium-Antagonisten (sind
Blutdruckmedikamente), Schmerzmittel, herzstärkende Medikamente, die
Kombination von Hochdruckmedikamenten, sowie die Kombination von
Medikamenten, die im zentralen Nervensystem wirken. Eine große Gefahr
bei unerwünschten Arzneimittelwirkungen besteht dann, wenn durch
Auftreten von zusätzlichen Symptomen diese nicht als Nebenwirkungen
oder Wechselwirkungen erkannt werden, es daher zu einer zusätzlichen
Medikamentengabe kommt.
Die häufigsten durch Medikamente ausgelösten
Gesundheitsstörungen im höheren Alter sind Verwirrtheitszustände,
Depression, Stürze, Kollapsneigung, Verstopfung, Harninkontinenz,
Parkinsonismus mit Bewegungsstörungen. Die wichtigsten, da sie deutlich
die Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit beim älteren Patienten
erhöhen, sind Stürze und Verwirrtheitszustände.
Sturzereignisse sind bei älteren Menschen deutlich
erhöht. Einige wichtige Risikofaktoren sind eine im Alter häufig
anzutreffende Verminderung der Muskelmasse, funktionelle Defizite wie
Bewegungseinschränkungen der großen Gelenke, chronisch neurologische
Erkrankungen wie zum Beispiel Morbus Parkinson oder eingeschränkte
Sehfähigkeit. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist die Gesamtzahl
verordneter Wirkstoffe, des weiteren sind alle zentral wirksamen
Medikamente mit einer erhöhten Sturzneigung verbunden, wie
Beruhigungsmittel, aber auch Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen,
während Hochdruckmedikamente, bei richtiger Dosierung, niedriger
Anfangsdosis kein erhöhtes Sturzrisiko bedingen.
Verwirrtheitszustände stellen ebenfalls einen
erheblichen Faktor für Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit dar. Zu
den Ursachen zählen unter anderem Infektionen, Verletzungen,
vorbestehende Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Demenz,
Alkohol-, Medikamenten- oder Opiatabhängigkeit, Elektrolytstörungen,
hier besonders Störungen des Natriumstoffwechsels. Medikamente sind
häufig beteiligt, insbesondere solche mit anticholinerger Wirkung, wozu
nicht nur zentral wirksame Substanzen, sondern auch zum Beispiel
Digitalis und Diuretika zählen können. Delirogene Wirkung haben somit
zum Beispiel Anticholinergika, Antidepressiva, Neuroleptika, Lithium
bei älteren Patienten auch bei normalem Serumspiegel, Antiepileptika,
Benzodiazepine, Parkinsontherapeutika, H2-Antagonisten, Diuretika,
Digitalis bei älteren Patienten auch bei normalem Serumspiegel, einige
Antibiotika, Analgetika, Theophyllin dosisabhängig oder Kortikosteroide
bei hoher Dosierung.
Zusammenfasssung
Beim älteren Patienten besteht häufig eine
Vielzahl an Krankheiten und damit verbundener großer Anzahl an
Medikamenten. Allein die Vielzahl der Medikamente weist bereits eine
erhöhte Rate an unerwünschten Arzneimittelnebenwirkungen auf, diese
erhöht wird durch die dem Alter eigenen funktionellen Einschränkungen,
durch die altersbedingten physiologischen Veränderungen und damit
Beeinflussung der Pharmakokinetik. Wesentlich mehr Bedeutung sollte bei
der Medikation der Lebensqualität zuerkannt werden, da die
Lebensqualität beim älteren Patienten einen wesentlich höheren
Stellenwert besitzt als beim jüngeren Patienten. Die entscheidenden
Einflussfaktoren für die Lebensqualität werden in der Geriatrie mit den
vier „I“ zusammengefasst. Sie umfassen die Bereiche intellektueller
Abbau, Immobilität (Einschränkung der Beweglichkeit), Instabilität
sowie Inkontinenz. Unter dem Bewusstsein, dass unerwünschte
Arzneimittelwirkungen häufig diese vier Bereiche beeinflussen und
verschlechtern, sollte beim älteren Patienten die Medikation gut
überdacht sein. Die individuelle Auswahl der Medikamente und die
häufige Kontrolle der Verordnungen können beitragen, unerwünschte
Medikamentenwirkungen zu vermeiden und die Lebensqualität des älteren
Patienten möglichst lange zu erhalten.
OA Dr. Andrea
Vollmeier
Med. Abteilung,
LKH Stolzalpe
Quelle: Stolzalpe. Infosion. Zeitschrift für Patienten und Mitarbeiter. Ausgabe Nr.1/2009