
Kennen Sie eine berühmte österreichische Ärztin? - Unlängst mit dieser Frage konfrontiert, musste ich erst einmal nachdenken: Hierzulande besitzen Frauen seit 1900 die Berechtigung zum Medizinstudium. Der Anteil an Ärztinnen blieb jedoch noch lange Zeit gering, und so war da eigentlich gar nicht viel Gelegenheit zum Berühmtwerden...
Gerty Radnitz war eine Ausnahmeerscheinung: rothaarig und sehr lebhaft. Als sie 1912 das Mädchenlyzeum im damals noch österreichischen Prag absolvierte, wollte sie Chemikerin werden. Ihr Vater, ein reicher Zuckerfabrikant, respektierte den ausgefallenen Berufswunsch und ließ sie als Externistin maturieren. Bis zum Studienbeginn 1914 gab es dann noch eine kleine Kurskorrektur: Gerty entschied sich (beeinflusst vom Onkel, einem Professor für Kinderheilkunde) für Medizin. Gleich im ersten Studienjahr traf sie den gleichaltrigen Studenten Carl Cori, mit dem sie bald auch Bergwanderungen und Schitouren unternahm. Die Chemie stimmte, genauer gesagt die Biochemie, der beide ihr Hauptaugenmerk widmeten. 1920 wurden Gerty Radnitz und Carl Cori zu Doktoren der Medizin promoviert, im inzwischen nicht mehr österreichischen Prag.
Gerty und Carl Cori heirateten am 5. August 1920 im hungernden Nachkriegswien, wo er eine Anstellung als Forscher fand. Gerty wurde Praktikantin am Karolinen-Kinderspital und erhielt dafür eine warme Mahlzeit täglich. Leider mangelte es dieser Mahlzeit an Vitamin A, und Gertys Augen erkrankten. Zum Glück konnte sie sich da von ihren Eltern in Prag wieder aufpäppeln lassen. Carl, der zwischendurch auch in Graz arbeitete, wurde 1921 vom Direktor eines Krebsforschungszentrums aus Buffalo (New York) entdeckt und folgte 1922 einer verlockenden Berufung an dessen Institut. Gerty Cori kam schweren Herzens nach, denn im flachen Buffalo konnte man weder Bergsteigen noch Schifahren.
Die Frauenarbeit im Labor in Buffalo war Gerty viel zu langweilig. Die Zuckerfabrikantentochter interessierte sich für Zuckerstoffwechsel, Diabetes, Insulin - Forschungsneuland, das sie zunächst nur heimlich betreten durfte, erst nach einer Publikation dann ungehindert und gemeinsam mit ihrem Mann. Diese Gemeinsamkeit war beiden wichtig. Als er die aussichtsreiche Berufung an eine Nachbaruniversität ablehnte, weil eine gleichzeitige Anstellung seiner Frau nicht möglich war (angeblich widersprach das irgendeiner Bestimmung gegen Vetternwirtschaft), wurde sie Opfer bitterer Vorwürfe: Dem Mann derart die Karriere zu verbauen, sei „unamerikanisch". Gerty Cori brach damals in Tränen aus.
Die Universität von St. Louis (Missouri) war aufgeschlossener. 1931 berief man Carl zum Professor und Gerty zur Forschungsassistentin. Mit ebenbürtiger Forschungsleistung entschlüsselten sie hier den Zuckerstoffwechsel („Cori-Zyklus"). Der entscheidende Durchbruch wurde 1936 in Fachkreisen bekannt. Ebenfalls 1936 kam der Sohn Carl Thomas zur Welt. Im Alter von elf Jahren bestand er auf der lange ersehnten Spielzeugeisenbahn als gerechtem Anteil an den 24.460 Dollar, die seine Eltern für ihren gemeinsamen Nobelpreis erhielten. Und Gerty Cori konnte als erste Medizinnobelpreisträgerin (1947) nun endlich auch Professor werden. Dieses Jahr 1947 bildete gewissermaßen den Höhepunkt und gleichzeitig auch den tragischen Wendepunkt ihres Lebens. Der sommerliche Wanderurlaub führte sie in die Rocky Mountains, wo sie an sich erste Symptome einer Blutkrebserkrankung wahrnahm. Gerty Cori gab nicht auf. Nur wer sie gut kannte, bemerkte ihre körperliche Schwäche bei der Nobelpreisrede. Sie arbeitete mit Volldampf weiter, die letzten Jahre eben im Rollstuhl. Gerty Cori starb 1957 in St. Louis. Eines noch: Gerty Cori hieß wirklich einfach Gerty und nicht etwa Gertraud oder Gertrude. Ihre Eltern hatten sie nach dem Dampfschiff „Gerty" der Triestiner Reederei „Austro-Americana" (gegründet 1895) benannt, das 1904 als erstes österreichisches Schiff Emigranten nach Amerika führte.
Autor:
Dr. Norbert Weiss
KAGes-Management / Unternehmenskommunikation
Unternehmenshistoriker
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Besondere wissenschaftliche Verdienste von Gery T. Cori:
Das Forschungsgebiet von Gerty Theresa Cori war die Biochemie. Sie entdeckte mit ihrem Mann das Enzym Phosphorylase.
1947 Medizin-Nobelpreis für die Erkenntnisse über den Kohlenhydratstoffwechsel, die Funktion der Enzyme und den Auf- und Abbau des Glycogens.